Freitag, 3. September 2010

Heute war der große Tag des Abschiedes. Die Stimmung war mies, genau wie das Wetter.
Cordula und ich haben gestern noch gemütlich vor dem Ofen gesessen und das eine oder andere Gläschen getrunken, geplaudert und die letzten gemeinsamen Wochen Revue passieren lassen.
Auf dem Weg in mein Quartier, habe ich dann den schönsten Sternenhimmel bewundern können, den ich je gesehen habe. Wäre es nicht so kalt gewesen, hätte ich so lange in den Himmel gestarrt, bis ich eine Nackenstarre bekommen hätte.
Vor einigen Tagen sind fünf Kücken geschlüpft, die munter und zuckersüß auf dem Hof umher hüpfen, die ich nur schwer zurück lassen konnte. Am liebsten hätte ich alle eingepackt...




Obwohl wir mehr als rechtzeitig heute Morgen losgefahren sind, kam eines zum anderen, sodass ich den Bus, den ich aus unerklärlichen Gründen nicht online buchen konnte, mal wieder nur knapp erreichte.
Wieder mal mehr Glück als Verstand kaufte ich drei Minuten vor Abfahrt das allerletzte Ticket für die Fahrt nach Stockholm.
Der einzige freie Platz im Bus war auf der Rückbank, zwischen einem langhaarigen Rockertyp mit Bierdose in der Hand und mit Rauschebart und einem Jungen mit Streberbrille, der im 15 Sekunden-Takt den Inhalt seiner Nase hochzog.
Die Schweden benutzen keine Taschentücher. Das wusste ich bereits von Cordula. Sie bevorzugen es auf den Gehweg zu schnauben oder den Handrücken bzw. das Bündchen des Pullis zum abwischen zu benutzen. Oder aber sie ziehen es IMMER WIEDER hoch.
Nach 5 Minuten hatte ich bereits genug. Meine Tasche hatte ich aufgrund von Platzmangel auf meinem Schoß verstaut und kuschelte unfreiwillig mit dem Muffeligen und dem Hochzieher.
4 ½ Stunden soll ich das durchhalten??? Ich schickte Stoßgebete in den Himmel und sie wurden erhört. Der Hochzieher verließ den Bus auf der Hälfte der Strecke und der Platz neben mit bleib auch noch frei.
So kam ich am späten Nachmittag in Stockholm an, buchte am Bahnhof per Internet ein Hostel und machte mich auch gleich auf die Suche nach der Unterkunft.

Da ich wie immer geizig war, was die Unterkunft angeht, bin ich in einer mittel-versifften Bude, mit unangenehmen Vermieter gelandet und teil mir das Zimmer mit einer alten Spanierin und ihrem Sohn, einer hübschen Holländerin die einen Job in Stockholm sucht und einer jungen, sehr mitteilungsbedürftigen Norwegerin, die auf dem Weg nach Israel ist, um dort freiwilligen Arbeit zu verrichten. Zu Fuss habe ich angefangen die Stadt zu erkundigen und plane morgen das volle Touri-Programm durchziehen.





Kochen mit Crocodile Dundee (Manu)

Montag, 30. August 2010

Einige Lektionen lernt man nie...

oder lerne nur ich sie nie???
Eine dieser Lektionen ist: Male keine Dinge, wenn du gute Kleidung trägst!
Als ich den ersten RIESEN Farbfleck auf meiner schönen Hose entdeckte, den ich dort mit dem Pinsel hinterlassen habe, war mir noch nicht bewusst, dass ich auch noch einen wunderschönen Abdruck eines Farbeimers direkt auf meinem Hintern finden würde, auf den mich Michael aber sofort und ganz charmant, fast ohne Lachkrampf aufmerksam machte.
Er drückte mir alle Chemikalien in die Hand, die er auf die Schnelle in der Werkstatt finden konnte und bewaffnet mit einer Nagelbürste machte ich mich auf den Weg in die Küche, um dort den Schweinkram zu entfernen.
Mit Waschbenzin hatte ich keinen Erfolg. Es passierte nichts. Gar nichts. Ich war kurz vorm verzweifeln, weil ich die Hose so mag. Da fragt man sich dann, warum ich sie zum malen trage...
Der nächste Versuch, eine großzügige Ladung reines Petroleum bewirkte im Gegensatz Wunder. Ruckzuck waren die fiesen Flecken verschwunden und nun hoffe ich, dass die Hose noch ihre Ursprungsfarbe hat, wenn ich sie später aus der Waschmaschine ziehe.

Während ich auf dem Weg zur Reinigungsattake war, war ich sehr dankbar, dass mir das nicht in Gegenwart meiner Mutter passierte. Ich hörte auch so ihre Worte und das reichte vollkommen.
Kaum kam ich in der Küche an und verströmte den wunderbaren Geruch des Waschbenzins, fing Cordula an auf mich einzureden und sagte die Dinge, die auch meine Mutter gesagt hätte und mir ja auch eigentlich bewusst waren.
Klassischer Fall von: zu früh gefreut.

Am Mittwoch haben Manu, Micha und ich das scheinbar unmögliche Ziel erreicht den Zaus bis zur Ecke zu bauen, was nicht ganz der Hälfte der Gesamtstrecke entspricht.
Wie versprochen gab Micha einen Kasten Bier aus, den er auch gleich am frühen Nachmittag mit einer quietschenden Schubkarre den Hügel hinauf schob, um am Ort des Geschehens anzustoßen.





Das war auch der Tag, an dem auf einmal der Bayer in den zu engen Hosen vor der Tür stand.
Mittlerweile hat er sein Lager auf dem Dachboden der Schule eigerichtet.
Morgens turnt er schon so früh direkt über meinem Quartier herum, dass ich noch früher wach bin als notwendig und an die Marder denken muss, die sich auf unserem Dachboden zu Hause vergnügen.
Der Typ bayert so sehr, dass ich zwei Drittel von dem was er sagt nicht verstehe.
Er färbt sich die Haare, hat beim campen einen Fön dabei und tragt, wie schon erwähnt, viiiiiiel zu enge Jeans. Seinen schwarzen Filzhut, den er IMMER trägt, darf in der Beschreibung natürlich auch nicht fehlen. Eine echt komische Type, den ich vor meiner Abfahr unbedingt noch fotografieren muss..

Es ist so kalt hier oben, dass wir am Wochenende die Öfen in der Schule angeschmissen haben. Seit Wochen schlafe ich mit zwei Decken, aber auch das war nicht mehr auszuhalten.
Der Vorteil daran, als Frau in der Unterzahl zu sein ist, dass die Männer gern die Arbeit abnehmen. Am ersten tag kamen Manu und Micha haben wunderschönen Kachelofen, der in meinem Zimmer steht fit gemacht und das Feuer entzündet. Als ich am Abend nach einer komischen Pferdeveranstaltung nach Hause kam, erwischte ich Hans, den Bayer dabei wie er grade nachlegte und dafür sorgte, dass kein Feuer erlosch. Was für ein Luxus.
Zu dritt haben wir in der letzten Woche eine Kanutour gemacht. Es gab jedoch nur zwei Bänke im Kanu und zwei Paddel. Also haben die Jungs gepaddelt, während ich in der Mitte auf dem Boden saß, Michas Schienbeine als Lehne benutzen konnte und ließ mich ganz mädchenhaft über den See paddeln.




Die Zeit rennt. Die letzte Woche hier auf Snaret ist angebrochen.
Am Freitag fahre ich schon nach Stockholm, verbringe dort das Wochenende und fliege dann zurück nach Deutschland.
Cordula scherzte schon, dass sie meinen Flug umgebucht hätte, weil sie mich nicht gehen lassen will. Demnach habe ich mich nicht zuuu doof hier angestellt.
Es hat erstaunlich lange gedauert, bis ich mich hier vollkommen eingefunden habe, doch der Gedanke in einer Woche nicht mehr hier zu sein, stimmt mich schon jetzt etwas traurig.

Sonntag, 22. August 2010

It´s Sunday...again...

ein freier Tag irgendwo im Nirgendwo in Schweden.
Bin gestern, wie immer, früh ins Bett und habe heute trotzdem bis kurz vor zwölf im Bett gelegen. Etwas gelesen, einen Film gesehen und mich -dann endlich- bequemt aufzustehen um frühstücken zu gehen. Die anderen hatten bereits ihr zweites Frühstück hinter sich, dass immer gegen 11 eingenommen wird.
Hier gibt es nichts was einen treibt. Ich habe so viel Zeit, dass sogar mein Zimmer immer ordentlich ist. Natürlich ist das auch wesentlich leichter, da ich nur einen Rucksack voll Zeug dabei habe, aber es ist ja bekannt wie groß ich darin bin Chaos zu produzieren.

Cordula liegt mit Migräne auf der Couch vor dem Ofen, Michael puzzelt hier irgendwo rum und Manu ist grade in seinem merkwürdigen Bundeswehroutfit und Indianer- Jones- Hut zum Angeln aufgebrochen.
Ein weiterer Grund sich wieder ins Bett zu legen ist, dass ich mich gestern beim Dachziegel schleppen verhoben habe. Die Scheißdinger sind so schwer gewesen, dass ich mich frage wie die Dachdecker die Dinger durch die Luft werfen und Fangen als sei es eine Tafel Schokolade.

Schon vor Tagen haben wir die erste Seite des Daches der alten Schmiede abgedeckt und wie das nun mal so ist, fing es genau dann an zu regnen. Also haben wir es erst mal wieder zugedeckt und konnten auf Grund des Wetters erst Gestern weiter machen. Die Lattung hatte Michael zwischendurch schon erneuert, sodass wir gestern gleich mit dem Eindecken beginnen konnten und auch fast fertig geworden sind. Eine Seite ist also fast fertig, während die Alte noch mittel-gammelig aussieht.
Während des anhaltend schlechten Wetters in den letzten Tagen, habe ich den Dielenfussboden in der alten Schmiede mit einem Handschleifgerät abgeschliffen und anschließend geölt. Merkwürdigerweise liebe ich schleifen. Obwohl es laut und furchtbar staubig ist, hat es etwas meditatives und befriedigendes, sodass ich stundenlang Dinge abschleifen kann.

Gestern Nachmittag sind wir mit Michael nach Karlskoga, eine Stadt die eng mit der Geschichte Alfred Nobels verbunden ist, gefahren. Er hatte einen Termin und hat uns dort rausgeschmissen. Leider war es so spät, dass alles bereits geschlossen hatte, sodass wir auch hätten zu Hause bleiben können. Ziellos sind wir durch die Stadt gestreift und haben sehr viel Zeit in dem einzigen offenen Geschäft, einem amerikanisch anmutendem Riesen-Supermarkt verbracht.

Jetzt überlege ich, welchen Film ich als nächstes scheue und bin froh, dass ich meinen Rechner doch mitgenommen habe. Das Ding ist der pure Luxus, ohne den ich trotz des nicht vorhandenen Internets, an Tagen wie diesem durchdrehen würde.












Sonntag, 15. August 2010

Es ist Sonntag...



und während ich das hier schreibe liege ich noch im Bett.
Heute steht ein entspannter Tag bevor: Aufstehen, Frühstücken, etwas Internet, einen veganen Apfelkuchen backen, den Apfelkuchen am frühen Nachmittag mit den anderen verdrücken, vielleicht noch eine Runde mit den Hunden gehen und anschließend...lesen, zeichnen, gammeln...
Der Rhythmus, sich morgens um sieben zum Frühstück zu treffen hat sich so schnell breit gemacht, dass ich schon früh wach war. Das könnte aber auch daran liegen, dass ich aufgrund mangelnder Beschäftigungsmöglichkeiten und unverständlicher Müdigkeit sehr früh ins Bett gehe.
Das Gute ist, dass ich immer erst um zehn vor aufstehen brauche. Kleidung an, Zähneputzen auf dem Weg runter am Plumpsklo vorbei und trotzdem sitze ich dann pünktlich am Tisch. Die perfekte Ausnutzung der Zeit.


Ein Schaf fuer Mama


und noch eins....

Am Samstag arbeiten wir zwar auch, fangen aber später an und hören früher auf. Gestern haben wir uns ganz demokratisch für ein Tag ohne Zaun entschieden, der schon eine beeindruckende Länge erreicht hat.
Von meinem Zimmer kann ich ihn mittlerweile sehen, was motivierend ist. Wenn wir die nächste Ecke des Grundstückes erreichen, was ungefähr der Hälfte des Zaunes entspricht, haben Michael und Cordula einen Kasten Bier für Manuel und mich versprochen und ca. eine Woche Pause vom Zaunbau.
Als ich am ersten Tag daran gedacht habe, dass ich vier Wochen Zaun bauen werde, habe ich fast den Flieger zurück nach Hause gebucht, aber mittlerweile machen wir das fast im Schlaf, kommen gut voran und es macht sogar Spaß.
Hin und wieder erinnert mich der Aufenthalt hier an eine Klassenfahrt oder ein Erziehungsheim. Immer ist man von den gleichen Leuten umgeben, kocht, isst, lebt eng zusammen und Cordula und Michael geben meistens den Ton an. Geht man nicht grade allein in den Wald, gibt es kaum ein Entkommen.
Gestern bin ich mit Michael nach Karlstad gefahren, wo er mich in einem Einkaufszentrum rausgelassen hat, das angeblich das beliebteste Schwedens sein soll. Ich verstehe die Schweden nicht. War ich nur gestern nicht bereit den Menschenmassen entgegen zu treten oder habe ich mich in der letzten Woche so an die Ruhe und Einsamkeit gewöhnt?
Nachdem ich gefunden hatte was ich wollte, habe ich mir einen großen Café Latte geholt, mich in die Sonne gesetzt und darauf gewartet, dass Michael mich wieder einsammelt.
Am späten Nachmittag, haben wir wie Kinder den Dachboden der alten Schule in der wir wohnen unter die Lupe genommen. Berge von alten Zeitungen, ein Teil der alten Schulbibliothek und ein Harmonium haben wir gefunden, auf dem Nassim uns ein Konzert gegeben hat, das dank fehlender Isolation des Obergeschosses über den ganzen Hof zu hören war und auch Michael und Cordula angelockt hat.



Egal welche Tür man hier öffnet, man entdeckt immer wieder etwas. Alte Pferdeschlitten, Erdkeller, uralte Werkzeuge, Kisten und Möbel.
Die meisten Sachen gehörten dem Bauern der hier zuletzt allein gelebt und versucht hat den Hof vor dem Zusammenfall zu bewahren. Was ihm kaum gelungen ist.
Fast zwei Jahre haben Cordula und Michael das Haupthaus in Stand gesetzt bevor sie einziehen konnten. Eine zeitlang haben sie auch in der Schule gewohnt, da das Haupthaus eher einer Ruine glich. Wenn man nicht genau hinschaut, wird einem nicht bewusst wie viel Arbeit die beiden schon in diesen Hof gesteckt haben, weil immer noch so viel zu tun ist.



Eigene Ernte



Grosswildjaeger Manu und Nassim und der erlegte Baum

Mittwoch, 11. August 2010

„Mindestens 2 000 000 Volt muss in den Zaun! …

Die Viecher müssen 10 Meter in die Luft fliegen und glühen“ brüllt Michael über den ganzen Hof, während ich ihm, mit schmatzenden Schritten, über die saftige Wiese folge und versuche nicht lauthals loszulachen.
Die Schafe brechen seit einiger zeit immer wieder aus, ohne sich von den 6000 Volt im Zaun beirren zu lassen und daher mussten wir gestern Morgen eine neue Weidefläche abstechen, obwohl noch genügend Gras auf der alten Weide war.
Michael war davon wenig begeistert und drohte den Schafen, mit Dieter, einem befreundeten Schlachter der jedes Teil eines Tieres inklusiv Gebiss im Gulasch verarbeitet.

Die Terroristen

Zur Zeit höre ich das Hörbuch „Glenkill- ein Scharfskrimmi“ von Leonie Swann, in dem eine Scharfherde den Mord ihres Schäfers aufklären will. Die Scharfe auf dem hier scheinen, ganz genau wie die Tiere in Glennkill, in ihrer ganz eigenen Welt zu leben und über uns Menschen nur zu lachen.


Der Hof

Gemeinsam mit Cordula und Michael, den beiden Bewohnern des Hofes, zwei weiteren Freiwilligen, Nassim und Manuel, zwei Hunden, acht Schafen, einer unbekannten Anzahl an Katzen und einigen Hühnern lebe ich seit Freitag auf einem Hof irgendwo im Nirgendwo in Mittel-Schweden, nördlich vom Värnern.
Im Austausch gegen einige Stunden Arbeit am Tag bekomme ich ein kuscheliges Bett mit Aussicht auf eine schöne Wiese und Essen, meist aus dem eigenen Garten und immer gut schmeckend.





Das Haupthaus mit Gemuesegarten

Nassim, Manuel und ich wohnen im wunderschönen, etwas heruntergekommenen, ehemaligen Schulgebäude nahe dem Waldrand, dass oberhalb des Haupthauses steht, in dem Cordula und Michael wohnen. Vor dem Haus steht unser ganz persönliches Plumpsklo, von dem es zwei Stück auf dem Hof gibt und die einzige Möglichkeit ist, sein Geschäft zu verrichten, ausgenommen davon natürlich der Wald und das weitere Glände.
Die Dusche und fließend Wasser finden wir nur bei Cordula und Miachel.



Die Schule



Marmorbad ;)

Früh um sieben frühstücken wir alle gemeinsam, drehen anschließend eine Runde mit den Hunden durch den endlosen Wald, der das Grundstück auf dem Hügel komplett umgibt und beginnen anschließend mit der Arbeit, die im Moment hauptsächlich daraus besteht, dass 6 ha große Grundstück mit einem traditionellen schwedischen Zaun zu versehen. Die gesamte Strecke beträgt gute 1,2 km.
Nach dem zweiten Frühstück, bei dem wir meistens das noch warme Brot genießen, das Cordula täglich backt, arbeiten wir noch etwas weiter und machen dann am frühen Naschmittag Feierabend, den wir frei gestalten können, wenn man das so nennen kann, weit ab von jeglicher Zivilisation.
Bis in die nächste Stadt mit 6000 Einwohnern fährt man über 25 km.
Ohne Fernseher, Internet und jegliche kulturelle Unterhaltung ist das recht gewöhnungsbedürftig. Ein Wunder dass man doch noch ohne Internetflatrate leben kann…
Nachmittag ziehe ich mit der Kamera durch den Wald, lese, höre Musik und gammel einfach rum.
Mein Dozent Thomas erklärte uns vor kurzem, dass die Jugend heutzutage nicht mehr rumhängen könne ohne etwas zu tun wie zum beispiel surfen, fernsehen oder am Handy rumzuspielen. Hier lerne ich es grade wieder: einfach Löcher in die Luft zu starren und bin darin recht erfolgreich.
Cordula und Michael, beide Mitte 30, sind vor fast 10 Jahren aus Deutschland ausgewandert und haben über Jahre in einer Hüte ohne Strom und fließend Wasser gelebt. Beide etwas laut und aufgeregt, besonders wenn es um Tier- und Umweltschutz geht, aber mit dem Herz am richtigen Fleck.




Vor dem Haus steht der eigenen Gemüsegarten aus dem sie sich und auch ich mich im Moment hauptsächlich ernähre. Monströse Zucchinis verarbeiten wir, die eher einem Baseballschläger als einem Gemüse gleichen.
Mein versuch, Bilder aus der örtlichen Bibliothek hochzuladen, ist heute Nachmittag kläglich gescheitert. Ich starte einen neuen versuch und hoffe, ich werde erfolgreicher sein...

Donnerstag, 5. August 2010

Es könnte alles so einfach sein...

...ist es aber nicht, singen Fanta4 und Herbert Grönemeyer. Dieses Lied hat sich passenderweise relativ schnell zu DEM Lied von meinem Freund und mir entwickelt.

Da stehe ich nun, nach zwei trockenen, sonnigen Tagen, in denen mein Zelt trockenen konnte, auf einem total überteuerten 5-Sterne Campingplatz in Lidköping, muss mein Zelt in einem Schlammloch (mit unnötigem Elektroanschluss) aufbauen und da kommen mir die Zeilen dieses Liedes in den Kopf, die mich in einen leicht verzweifelten Lachanfall fallen lassen .
Von allen Seiten kommt das Wasser. So schnell, dass alles trocken bleibt, kann ich das Zelt gar nicht aufbauen.
Ein minimaler Trost: es gibt auf dem freies Internet ( das nicht wirklich funktioniert). Bei dem Preis wiederum erwarte ich das auch (aber auch dass es funktioniert)!
Da das Fernsehzimmer, in das ich mich jetzt kuschelig zurückziehen wollte, das von aufgekratzten, vorpupatären und zu allem Überfluss auch noch tanzenden Mädchen bevölkert wird, sitze ich in der Küche wo grade Rushhour herrscht.



Mit dem Bus bin ich heute aus Tollhättan angereist, dass auch gern „Trollywood“ genannt wird, da in dieser Stadt die schwedische Filmindustrie sitzt.
Das Wetter schien stabil zu sein, doch grade waren wir über die Stadtgrenze hinaus schoben sich am Himmel dunkle, schwere Wolkenberge zusammen, die kurz darauf begannen sich zu entleeren.

Mein Tag in Trollhättan stand ganz im Zeichen des Wassers.
Er begann, nachdem ich schon wieder zu lange in meinem Zelt gelegen habe, mit einer geführten Tour durch das Turbinenkraftwerk im Süden der Stadt. Ein charmanter, junger Schwede leitete die Gruppe, in der ich den Altersdurchschnitt gewaltig nach unten zog, und erklärte vielerlei Interessante Sachen zur Geschichte und Funktion des Kraftwerkes.



Kraftwerk

Obwohl ich versuche mein atemberaubendes Outfit, das heute aus einem türkisfabendem T-Shirt, einem grünen Kaputzenpulli, Wanderboots aus denen pinke Wollsocken hervor blitzen und meine zu kurze Shorts besteht, zu ignorieren, konnte ich das nicht mehr als ich zur Krönung auch noch einen leuchtend gelben Helm tragen musste.
Ich tat so als ob ich angemessen gekleidet wäre und auch der nette Schwede lies sich nicht weiter anmerken, wie bescheuert ich aussah. Den Helm musste ich zum Glück wieder abgeben.







Anschließend bin ich zu den Schleusen, die noch etwas weiter außerhalb der Stadt liegen, gelaufen und habe Schiffe beobachtet die den Göta Alv hinauf oder hinunterfuhren.
Überpünktlich zu Schläusenöffnung um 15 Uhr habe ich mich mir vielen anderen Schaulustigen auf einer Brücke eingefunden, um zu sehen wie 34000 Liter Wasser in der Sekunde aus einem Stausee den Hang hinunterstürzen.

Auf dem Weg nach Karlstad, nach der dritten Nacht, habe ich an der Bushaltestelle die mitten im Wald lag, Carl kennen gelernt, der für die lokale Zeitung und die konservative Partei Schwedens arbeitet.
Bevor ich das jedoch wusste, fragte es wer in Deutschland regiert und ich konnte wohl nicht verbergen, dass ich von der regierenden Partei nicht begeistert bin. Er versuchte mich darauf hin in eine politische Diskussion zu verwickeln, womit er bei mir an der absolut falschen Adresse ist.
Unteranderem erzählte er mir aber dass die Kandidatin der Sozialdemokraten mit der Kreditkarte die sie vom Staat hat, Toblerone gekauft hat und dabei erwischt wurde. Ob das nun so stimmt oder nicht: ich habe mich köstlich amüsiert.
Auch da muss ich nochmal auf mein komisches Äußeres hinweisen, das die Menschen in diesem Land nicht abzuschrecken scheint.

Die ersten Nächte waren so kalt, dass ich mir den Schlafsack ÜBER dem Kopf zusammengebunden habe, in der naiven Hoffnung so mehr Wärme in meinem Schlafsack speichern zu können. Dass der Sack dafür aber eigentlich zu kurz oder ich zu lang bin, ist dabei ja nebensächlich.
In der letzten Nacht habe ich mich in meinem Kaputzenpulli in den Schlafsack gelegt, die Kaputze bis zur Nasenspitze zugeschnürt und das gleiche mit dem Kopfteil des Schlafsackes getan. Erstaunlicherweise ging es auch so...

Von Blasen an meinen Füssen brauche ich schon gar nicht mehr zu sprechen, denn da ist nur noch wundes, offenes Fleisch zu sehen. Ich dachte ich hätte mit Blasenpflasern vorgesorgt, doch die scheinen sich in Luft aufzulösen. Gestern habe ich sogar eins durch gelaufen, was ich niemandem wünsche. Einen ekelerregenderen Gestank habe ich selten erlebt und ich wage dabei zu behaupten, dass es nicht nur an meinen Füssen gelegen hat.



Lecker: saubere, gepflegte Füße :)

Morgen werde ich nach Filipstad reisen, wo ich die Leute treffe, bei denen ich die nächsten 4 Wochen arbeiten und wohnen werde. Die Verbindung scheint nicht die Beste zu sein und dauert darum zwischen 6 und 7 Stunden. Was mir in Deutschland den letzten Nerv rauben würde, genieße ich hier fast. Mit Bus und Bahn sieht man viel vom Land und trifft auch ein paar Leute für ein Gespräch.



Schwedenromantik

PS: Internet ist zu langsam. Weitere Bilder folgen bald!

Montag, 2. August 2010

Erstes Lebenszeichen


Blick aus meinem Zelt in Klubbensborg

Obwohl ich gestern erst gestartet bin, habe ich das Gefühl schon ewig unterwegs zu sein.
Um kurz nach 5 bin ich gestern außerhalb von Stockholm gelandet und mit dem Flughafen-Shuttle in die Stadt gefahren. Mein großes Ziel zu trampen habe ich gestern nicht umgesetzt, da ich schiss hatte, dass alle Busse weg und ich immer noch da sein könnte.
Südlich des Zentrums, direkt am Wasser, habe ich grade noch rechtzeitig mein Zelt auf dem Campingplatz Klubbensborg aufgeschlagen, bevor es anfing zu regnen. Da das Zelt nur einlagig ist, hatte ich etwas Bedenken, dass ich Nachts eine ungewollte Dusche abbekomme, doch ich blieb trocken.


Zelt von Innen :)

Zu Fuss lies sich die Autobahn von meinem Nachtquatier aus gut erreichen und kaum hatte ich mir eine passende Stelle ausgeguckt und mich positioniert, hielt der erste Schwede in einem rotten Wohnmobil. Netter Typ, auf dem Weg zu einer Classic-Regatter die er mit zwei Freunden segeln würde. Trotz Navi verfuhr er sich immer wieder und redete wild mit allen anderen Autofahrern, die ihn natürlich nicht hören konnten.
Als er mich rauswarf, hatte es sich so richtig eingeregnet. Trotz Rucksackschutz und Regenjacke war ich bald klitschnass. Die Auffahrt war schlecht frequentiert und es dauerte bis ein Finne Erbarmen hatte und mich einsammelte. Die Fahrt mit ihm dauerte nur 10 Minuten, doch als er mich rauslassen sollte, erzählte er mir seine halbe Lebensgeschichte im Schneckentempo. So saß ich eine ganze weitere Stunde in seinem Auto und versuchte interessiert zu tun und beobachtete die wenigen Autos die vorbei kamen.
Leider war die Auffahrt noch weniger befahren als die Vorherige. Eine ganze Stunde stand ich dort im Dauerregen und war schon kurz davor mein Zelt am Straßenrand aufzuschlagen, als mich ein weiterer Typ einsackte. Wieder nur knappe 20 km, aber immerhin ließ er mich an einem Ort raus, wo es für den Notfall einen Bahnhof gab und der zum Glück relativ gut befahren war.
Ein etwas versiffter Typ in einem versifften Auto hielt an und nahm mich weitere 30 km mit. So wie er, sehen immer die Psychos in den Vox-Serien aus. Doch er war sehr nett. Da er die Abfahrt verpasste, lies er mich einfach mitten auf der Autobahn raus, sodass ich die Autobahnauffahrt entgegengesetzt zur Fahrtrichtung wieder hochlaufen musste.
Zu meinem Pech kamen da erst mal nur Muttis mit Kindern und die nehmen einen nie mit. Die starren immer nach vorne oder aus der Fahrertür und tun so als ob sie dich nicht sehen würden.
Alleinfahrende Männer in Schrottlauben halten am ehesten.
Meine letzte Mitfahrgelegenheit war auch so einer. Das Auto fiel ihm fast unter dem Hintern auseinander. Sofort fing er an, darüber zu reden, dass ich doch nicht allein reisen könne, was mein Freund sagen würde und wie der mich einfach so losziehen lassen könne. Das Land sei voller Spinner und Psychos. Er redete so lange davon, dass ich mir wünschte ich hätte auf Astrids Rat gehört und Pfefferspray mitgenommen. Doch das hielt ich damals für übertrieben. Also lächelte ich und erklärte, dass ich an das Gute auf diesem Palneten glauben würde.
Er stellte selbst fest, dass er wie seine Eigene Mutter klang.
Der Typ bestand darauf mich am Bahnhof rauszulassen und bat mich nicht weiter zu trampen. Er selbst erst 27 aber schon 3 Kinder und scheinbar besorgt, dass seine Kinder auch irgendwann auf so eine komische Idee kommen werden.
So stieg ich also in den Zug und fuhr bis Karlstad, fast dem Ziel meiner Reise. Ungefähr die Hälfte meiner 300km langen Tagestour habe ich im Zug und die andere in 5 verschiedenen Autos zurückgelegt.
Im Zug traf ich David, einen gutaussehenden Klischee- Scheden, der mir gleich seine Emailadresse zusteckte und vorschlug auf der Rückreise in Stockholm gemeinsam ein Bier zu trinken.


Ertser Blick auf den Vänern ( was ich jedes Mal so falsch ausspreche, dass die Schweden nicht wissen was ich meine)

Das letzte Stück lief ich mit meinen 17 kg Gepäck auf dem Rücken. Leider habe ich den teuersten Campingplatz des Universums erwischt, doch da es schon relativ spät ist und ich auch keine Lust habe noch weiter zu laufen schlage ich mein Zelt auf dem goldenen Boden auf und hoffe, dass sich die Nacht zumindest in Bezug auf den Schlaf lohnt. Dafür gibt es Wifi auf dem ganzen Platz und das für einen Stunde umsonst...